Der Name dieser Stadt kommt nicht daher, weil an diesem Ort besonders viele Geister und Kobolde leben, sondern weil ein Himmelsriese vor Jahrhunderten eben hier auf den Boden gespuckt und somit
einen Fluss gebildet hatte. Im Laufe der Zeit wurde aus Spucken ein Spuken. Zumindest erzählen das die alten Einwohner.
Familie Nebellicht wohnte schon seit einigen Jahren an der Flussbiegung. Doch so richtig wohl fühlten sich ihre Nachbarn noch immer nicht, denn Nebellichter sind geborene Geister. Das bedeutet,
sie müssen nicht erst sterben, um unsichtbar zu werden. Im Gegenteil, die Fähigkeit Gestalt anzunehmen und für andere Wesen sichtbar zu werden, entwickelt sich erst nach Jahren.
So war Jamin Nebellicht, ihr Sohn, mit seinen sieben Jahren so leicht wie eine Feder und absolut unsichtbar. Der reinste Schrecken für seine Lehrerin, die ihn in der zweiten Elementarklasse
unterrichtete. Sie hörte zwar seine Stimme, doch sie wusste nie, ob er wirklich auf seinem Platz saß, wenn er schwieg. Zudem wurden kleinere Gegenstände, die er in der Hand hielt ebenfalls
unsichtbar. Niemand konnte sehen, welche Kleidung er trug und ob er jetzt gerade wirklich ein Bild für das große Kürbisfest malte, wie seine Mitschüler.
Sein Platz schien leer.
„Jamin“, sein Freund Atlas lutschte an seinem Werwolfzahn. Eine kleine Lücke trug er schon zur Schau. Bald würde auch der zweite Reißzahn ausfallen und Platz
für das Erwachsenengebiss machen. „Was malst du?“
Jamin nahm die Hand vom Zeichenblock und sogleich wurde sein Bild für Atlas sichtbar.
„Och, nur so ein oller Kürbis“, knurrte Atlas und wedelte mit seinem Blatt Papier in der Luft herum, welches eine Vogelscheuche zeigte.
„Der Grosse Suppenkürbis!“, erklärte Jamin. „Davon wird die ganze Stadt satt!“
Dieser besondere Kürbis war selbst nach magischen Vorstellungen groß und wurde auf dem Sportplatz aufgestellt. Dieses Ereignis war legendär. Bereits Mittags begann das Fest. Während die Schüler
um sportliche Anerkennung kämpften, konnten die Eltern und Besucher leckere Kürbissuppe löffeln. Am Abend gab es dann Musik und Tanz.
„Ein hübsches Bild, Jamin!“, kommentierte Frau Sommer, die ihre Zeichnungen musterte. „Ich hoffe nur, du willst dich nicht wieder für den Weitsprung-Wettbewerb anmelden!“
„Aber ich bin gut! Ich kann das!“, protestierte Jamin.
„Das sagst du“, erklärte seine Lehrerin und drehte ihm dabei den Rücken zu, weil sie ihn noch auf seinem Platz vermutete. Dabei war er vor Aufregung
aufgestanden. „Niemand kann deine Ergebnisse bestätigen. Du bist unsichtbar und für Spuren in der Sprungkuhle mit Sand zu leicht.“
Traurig senkte Jamin seinen Kopf, doch das sah niemand. Allerdings hörte Atlas sein leises Schnaufen und legte ihm eine Pfote auf die Schulter.
„Ist doch egal!“, tröstete er ihn. „Du brichst sicher den Schulrekord!“
„Ja, das werde ich!“, bestätigte Jamin trotzig, als der Rest der Klasse in Gelächter ausbrach.
Halloween war in Spukhausen ein Feiertag und alle Bewohner waren zur Mittagszeit bereits unterwegs zum Sportplatz. Auf einem riesigen offenen Feuer köchelte der Grosse Kürbis und verströmte
seinen leckeren Duft. Seine Wände waren magisch verstärkt und verbrannten daher nicht durch die züngelnden Flammen.
Wie üblich, wollten alle den Geschmack der Suppe verbessern und riefen dem Festkomitee, welches für die Zubereitung verantwortlich war, ihre Vorschläge zu. Manche ließen die Zutaten scheinbar
zufällig auf magische Weise aus der Luft hineinfallen oder warfen ihre Zaubersprüche direkt auf den Kürbis. Die Oberhexe musste daher immer wieder probieren und notfalls eingreifen.
Natürlich schmeckte die Suppe dadurch ständig etwas anders, war aber immer köstlich. Pfiffige Besucher holten sich darum kleine Portionen, aber dafür mehrmals.
Den Aufruf zum Start der Wettbewerbe hätte Jamin beinahe verpasst, weil seine Aufmerksamkeit völlig auf den Kürbis gerichtet war. Doch seine Mutter ging zielstrebig zum Jurytisch. „Es geht
los!“
Ausgerechnet Muso, ein Jungdrache, hüpfte freudig vor ihnen in der Warteschlange auf und ab. Seine Schwanzspitze schleuderte vereinzelte Schuppen in die Luft, die wie Feuer auf der Haut brennen
konnten. Jamin hielt daher lieber Abstand.
„Frau Nebellicht“, begrüßte Frau Sommer seine Mutter etwas überrascht. „Macht ihr Sohn beim Sportfest mit?“
„Selbstverständlich!“, sie drückte seine Hand. „Er steht direkt neben mir!“
Seine Lehrerin runzelte die Stirn. „Nun, ich habe gestern bereits erklärt...“
Jamins Mutter ließ sie nicht ausreden. „Mein Sohn wird beim Weitsprung antreten. Wollen sie das etwa verbieten?“
„Nein, äh – natürlich nicht!“ Frau Sommer rutschte unruhig auf ihrem Platz herum, denn seine Mutter wechselte sehr eindrucksvoll von Nebel zu fester
Erscheinung. „Doch wie sollen wir seine Leistung bewerten?“
„Sie veranstalten diese Wettbewerbe, also lassen sie sich etwas einfallen!“ Frau Nebellicht konnte sehr bedrohlich wirken, wenn sie wollte.
„Hallo, Frau Nebellicht!“ Atlas näherte sich von der Seite und löffelte bereits eine Schüssel Kürbissuppe. „Ist Jamin auch da?“
„Grüss dich, Atlas!“ Sie schob ihren Sohn in seine Richtung. „Geht ihr Zwei doch schon mal vor. Ich erledige das hier!“ Sie deutete auf den Tisch mit den
Formularen und drehte sich wieder Frau Sommer zu, deren Gesicht etwas grünlich wirkte.
Jamin hakte sich bei dem jungen Werwolf ein, damit dieser wusste, wo er war. „Lass mich mal probieren“, sagte er und griff nach dem Suppenlöffel.
„Nix da!“ Atlas drehte sich zur Seite weg. „Verdien dir deine Suppe selbst!“
„Spielverderber“, murrte Jamin, aber er lachte dabei. Nach dem Weitsprung konnte er sich selbst eine Suppenschüssel abholen, so wie jeder andere
Wettkämpfer.
Bei der Sprungkuhle warteten bereits einige Schüler, bis sie an der reihe waren. Ausgerechnet der Jungdrache war ebenfalls dabei.
„He, da kommt ja unser unsichtbare Rekordspringer mit seiner Meute!“, spottete dieser. Natürlich konnte er Jamin nicht sehen, doch so wie er seine Nüstern
blähte, hatte er ihn gerochen.
„Ach, halt dein Maul“, konterte Atlas mit vollem Mund.
„Ich springe dreimal so weit, wie dieser Nebelwicht hier!“, behauptete Muso.
Jamin seufzte genervt. „Dann hör auf herumzustänkern und spring endlich!“
Aus Musos Rachen drangen kleine Rauchwölkchen. Er schien wütend zu sein.
„Muso!“ Die schrille Stimme von Frau Sommer, die eilig angelaufen kam, lenkte ihn ab. „Okay, du bist dran! - Ich möchte aber noch einmal betonen, dass beim Weitsprung der Einsatz von mehr als
vier Extremitäten und Flügeln verboten ist.
„Ja, ja!“, brummte Muso leise.
„Hast du das verstanden? Deine Flügel bleiben eingeklappt!“, ermahnte Frau Sommer ihren Schüler.
Muso schickte weitere Dampfwölkchen in den Himmel, nahm watschelnd Anlauf und setzte zum Sprung an.
„Was für Flügel sollten dem dicken Bauch denn Auftrieb geben“, kicherte Atlas laut und rollte vielsagend mit den Augen. Dabei schaufelte er sich einen weiteren
Löffel Kürbissuppe in den Mund.
Mit Musos Konzentration war es vorbei und aus dem Weitsprung wurde ein kleiner Hüpfer.
„Zwanzig Zentimeter!“, verkündete der Linienrichter eifrig und brachte sich rasch in eine sichere Entfernung zu dem jungen Drachen. Für eine Maus in Hosen war
das überlebenswichtig.
„Du kläffender Welpe“, brüllte Muso wütend und wirbelte mit Schwung zu den Freunden herum. Sein platter Kopf rammte den Bauch vom Werwolf. Löffel und Schüssel
flogen hoch. Heiße Spritzer der Kürbissuppe trafen die empfindliche Drachenschnauze. Jetzt brüllte er noch lauter und schüttelte die Suppenreste reflexartig ab.
Dabei wurden auch unbeteiligte Zuschauer bekleckert. Manche fanden das lustig, andere nicht. Tatsächlich rief plötzlich eine übermütige Stimme:
„Suppenschlacht!!!“
Begeistert griffen einige Schüler und Besucher zur eigenen Suppenschüssel und spritzten ihre Nachbarn voll. Auf dem ganzen Sportplatz ging ein Regen aus Kürbissuppe nieder. In dieser
Suppenschlacht gab es am Ende keine Gewinner und keine Verlierer, nur vor Suppe triefende und schleckende Teilnehmer.
Musos Schuppen waren verklebt, die Körperbehaarung des Werwolfs gelb eingefärbt und Jamin von Kopf bis Fuß mit Suppenresten bedeckt.
„He, das ist ja ein Ding!“, keuchte Atlas und starrte ihn an. Er schaute ihm direkt in die Augen!
„Was denn?“ Jamin wischte seine Hände an der Hose ab.
„Nein, lass das!“, grinste sein Freund. „Diese Suppe lässt dich endlich sichtbar werden! Das müssen die vielen magischen Zutaten und Zaubersprüche
sein!“
Jamin sah auf seine Hände, doch für ihn sahen sie aus, wie immer.
Muso kam ungläubig näher und leckte seine Schnauze. „Du bist ja größer, als ich dachte.“ Jamin überragte ihn um eine Handbreite.
„Du musst jetzt springen“, forderte Atlas ihn auf. „Dann kann jeder sehen, was du kannst.“ Vor Aufregung fuhr er unbewusst seine Krallen aus, als er seine Pfote
auf Jamins Schulter legte.
„Frau Sommer muss den Sprung sofort messen!“, verlangte auch seine Mutter energisch. Dabei versuchte sie Kürbisstückchen aus ihrem Haar zu pflücken. Die
Lehrerin war jedoch mit zwei anderen Hexen in Streit geraten und lief mit der Suppenkelle um den Kürbistopf herum.
„Hallo“, piepste eine helle Stimme vom Boden her. „Ich gehöre auch zum Schiedsrichterteam!“ Die Maus, die unter einer umgestülpten Suppenschüssel hervorlugte,
war der Linienrichter, der bereits Musos Weitsprung vermessen hatte.
Inzwischen kamen auch andere Klassenkameraden herbei. Es war das erste Mal, dass sie Jamin sehen konnten. Zumindest den Teil, der mit Kürbissuppe bekleckert war.
„Ja, spring schon! Das ist deine Chance!“, ermunterten sie ihn.
Jamin wurde nervös, doch dann holte er tief Luft und nahm Anlauf. In der Luft verlor er einige Suppentropfen und hinterließ eine deutliche Spur.
„Achthundertundzwanzig Zentimeter genau!“, kreischte der Mäuserichter erstaunlich laut, als seine Füße wieder den Sand berührten.
„Niemals, das sind höchstens acht Meter!“ maulte Muso, doch niemand achtete auf ihn. Der Schulrekord lag bei knapp sechs Metern und den hatte Jamin mit
Leichtigkeit gebrochen.
„Schulrekord!“, brüllte Atlas begeistert und umarmte seinen Freund.
„Schulrekord dank einer herrlichen Suppenschlacht!“, lachte Jamin und war einfach nur glücklich.